Der krankgesunde Mensch

Gerade hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Menschen, der am Posttraumatischem Belastungssyndrom leidet. Ursache sind traumatische Erlebnisse aus Kindertagen, die sich erst nach Jahrzehnten als Posttraumatische Belastungsstörung zeigten. Das schlimme an dem Zustand war, dass nicht nur der Mensch unter der inneren Last zerbricht, sondern auch die Familie auseinander bricht.

Unsichtbare Krankheit

Psychische Erkrankungen sind für die meisten Menschen einfach unsichtbar. Es fällt ihnen schwer, dem Betroffenen zu glauben, finden sein Verhalten nur sehr sonderbar und urteilen aus ihrer gesunden Wahrnehmung heraus.

Wie denn auch? Einen blauen Fleck oder einen Schnupfen kann jeder nachfühlen, aus eigenen Erfahrungen heraus. Schwere körperliche Verletzungen sind für jeden erkennbar und rufen in uns ein Gefühl des Mitleids hervor. Erkrankungen der Psyche sind alles andere als nachvollziehbar. Eine Last, die schwer zu tragen ist.

Der schwere Leidensweg

Ein Mensch, der psychisch krank ist, erlebt innerlich nicht anderes, als wenn ihm „Körperteile“ amputiert wurden. Er spürt plötzlich Teile seiner Persönlichkeit nicht mehr. Sie sind wie abgeschnitten. Egal wie sehr er sich auch bemüht, den gesunden Zustand wieder herzustellen, es gelingt einfach nicht. Die Seele schmerzt so sehr, dass die Schmerzen manchmal auch ins körperliche gehen. Noch schmerzlicher ist es, dass sein Leiden nicht akzeptiert wird, aus unterschiedlichen Gründen. Er muss sich zusätzlich noch rechtfertigen und um Akzeptanz betteln. Im bildlichen Sinn gesprochen – er hat seinen Arm amputiert bekommen, doch man zwingt ihn, den nicht vorhandenen Arm zum Einsatz zu bringen. Schließlich bildet er sich die Amputation seines Armes nur ein. Die Klatsche ins Gesicht schlecht hin. Oft wird er an den Rand der Gesellschaft gedrängt, kein Gesellschaftsmitglied sieht ihn mehr und bietet ihm die nötige Hilfe an, wieder gesund zu werden.

Der steinige Weg zurück in die seelische Gesundheit

Ein Gutes hat die psychische Erkrankung – die „abgeschnittenen“ Seelenanteile sind nicht für immer verloren wie ein amputierter Körperteil. Und doch muss der Betroffenen wieder neu „das Laufen“ lernen. Blockaden überwinden, die manchmal mit dicken Stahlbetonmauern vergleichbar sind. Einfach nicht zu durchbrechen. Bei manchen Blockaden ist dies allerdings auch sehr wichtig, denn sie haben eine entscheidende Schutzfunktion. Andere wiederum sind hinderlich auf dem Weg in die Gesundung. Jeder Mensch, der sich einen schweren Splitterbruch im Bein zugezogen hat, weiß wie mühselig es ist, wieder auf die Beine zu kommen. Rückschläge gehören zur Tagesordnung. Nichts anderes erlebt der psychisch kranke Mensch.

Unterstützung aus dem Umfeld

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, einen psychisch kranken Menschen auf seinen Weg in die Gesundheit zu begleiten.

Erster Schritt – den kranken Zustand des Betroffenen als natürlichen Zustand akzeptieren und aufhören ihn zu bekämpfen/ zu negieren

Zweiter Schritt – jeden kleinen Schritt in die gesunde Richtung POSITIV betrachten und den Betroffen in seinem Erfolg bestärken

Dritter Schritt – Rückschläge als Krücken betrachten und die Gedanken des Kranken darauf konzentrieren, was er beim nächsten Mal anders machen will. Er soll einfach sein neues und von ihm gewünschtes Verhalten beschreiben. Je öfter diese Betrachtung wiederholt wird, um so eher kommt der Betroffene dahin, dass er sein gesundes Verhalten zurück erobert.

Vierter Schritt – die Wahrnehmungen des Betroffenen auf jeden Fall ernst nehmen. Egal wie schräg sich seine Wahrnehmung anhört, es ist seine Wahrnehmung und diese sollte neutral aufgegriffen werden. Der Betroffene sollte auf Lösungsansätze konzentriert werden. Es ist wie bei einem Kleinkind, das wesentliche Alltagshandlungen lernt. Es wird immer wieder ermutigt, es neu zu probieren, bis es endlich klappt. Ein „Falsch“ sollte im Gespräch ausradiert werden.

 

Diese 4 Schritte können schon viel bewegen in Begleitung zur Therapie, die der Betroffenen für sich in Anspruch nimmt.